Extradruck

Unsere Gedichtsammlung Ich kieke, staune, wundre mir ist bald zwei Monate in der Welt und doch ist sie kaum noch zu haben. Dank freundlicher Beachtung diverser Medien ist die limitierte Erstausgabe mit dem Bezug aus Bärenfellimitat nahezu vergriffen. Sie liegt zwar weiterhin in Buchhandlung aus, der Verlag hat aber seit drei Wochen keine Exemplare mehr, weshalb bereits in der nächsten Woche eine Neuauflage erscheint: nicht mehr limitiert, nicht mehr ganz so bibliophil, bei gleichbleibendem Inhalt und dafür deutlich günstiger.
Quasi zur Feier der Veröffentlichung lesen Ulli Janetzki und ich am 16. Mai mal wieder eine Auswahl berlinerischer Gedichte vor. In der Tucholsky Buchhandlung in Mitte. Passender geht es wohl kaum. Schließlich ist Tucholsky einer der wichtigsten Autoren der Anthologie, ein Meister der Übertragung der Mundart in pure Poesie.

 

Nachtrag: Das Foto zeigt den Extradruck, aufgenommen am 18. Mai.

Uff eemal klopp’s

ick_kieke_UNGESTRICHEN.indd»Ick sitze da un esse Klops. / Uff eemal klopp’s.« So fängt eins der bekanntesten Gedichte in berlinischer Mundart an. Viele können es auswendig und gehen davon aus, dass die Geschichte von dem Klops essenden Icke, der sich vor der eigenen Tür wiederfindet, ein Produkt des Volksmund ist, ein Straßen- oder Kinderreim der Kategorie Icke, dette, kieke mal. Dabei wird diese hier eher auf die Schippe genommen, liebevoll versteht sich. Erschienen ist der Text erstmals 1925 im Europa-Almanach von Paul Westheim und Carl Einstein. Noch im gleichen Jahr wurde er als Klopslied von Kurt Weill vertont.

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Das auffallend unauffällige Leben der Haushälterin Hannelore Keyn in der Villa Grassimo zu Wewelsfleth

keynbuchLetztes Jahr haben Peter Wawerzinek und ich uns für drei Monate im Alfred-Döblin-Haus zu Wewelsfleth einquartiert, um der von uns verehrten, leider verstorbenen Hannelore Keyn nachzuspüren, die dort lange als Haushälterin gewirkt hat und nebenbei Literatur beeinflusst hat. Denn das Döblin-Haus im norddeutschen Wewelsfleth beherbergt jeweils drei Stipendiaten, die ihr ungestört schreiben können. Und das geht auch ganz gut, solange einem nicht die Geister des alten Gebäudes dazwischenfunken, so auch der des Stiftes Günter Grass, weshalb man im spitznamenverliebten Berlin mitunter von der Villa Grassimo spricht. Continue reading

Dada in Davos

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1916, inmitten des Ersten Weltkriegs, entstand im Zürcher Cabaret Voltaire Dada. Initiiert worden ist diese Künstlerkneipe von Hugo Ball mit Emmy Hennings. Balls Freund Klabund hielt sich wegen seiner Tuberkuloseerkrankung von Mitte Februar bis Ende März 1916 in Davos auf. Anschließend kam er nach Zürich, wo er auch im Cabaret Voltaire auftrat. Dem Paar Hennings/Ball legte er nahe, im Luftkurort aufzutreten. »Klabund meinte, das sei aussichtsvoll«, schreibt Ball in einem Brief. Continue reading

Zig Sioux im Schwips

Im Solinger Zentrum für verfolgte Künste läuft derzeit die Ausstellung War einmal ein Bumerang. Der Maler Joachim Ringelnatz kehrt zurück, zu der kleiner feiner Katalog erschienen ist. In ihm befindet sich auch ein kurzer Text von mir, für den ich mich von einer Zeichnung des Dichters inspirieren ließ. Der Katalog ist leider bereits vergriffen, aber die Texte lassen sich hier nachhören. Die phantastischen Bilder kann man sich leider nur in Solingen anschauen.

Wie wird man Dadaist? Bock liest Ball.

Weil ich gerade so schön in Feierlaune bin wegen der Eröffnung des Cabaret Voltaire vor 100 Jahren und der Veröffentlichung meines sich darauf beziehenden Buches, setzte ich noch einen drauf und lade ein zum Dada-Abend.
Ich erzähle, wie das damals so war, als Hugo Ball, Emmy Hennings, Tristan Tzara, Richard Huelsenbeck und Hans Arp in Zürich ganz Dada wurden und rezitierte ihre besten Texte aus dieser Zeit. So werde ich auch ein dreistimmiges Simultangedicht allein und live zum Vortrag bringen. Dazu gibt’s die schönsten Fußnoten aus meiner Doktorarbeit.
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100 Jahre Dada

Cabaret Voltaire 1916
Eine Nachstellung von Marcel Jancos verschollenen Gemälde »Cabaret Voltaire«, 1916. (c) Susanne Bax

Das Lokal war überfüllt; viele konnten keinen Platz mehr finden. Gegen sechs Uhr abends, als man noch fleißig hämmerte und futuristische Plakate anbrachte, erschien eine orientalisch aussehende Deputation von vier Männlein, Mappen und Bilder unterm Arm; vielmals diskret sich verbeugend. Es stellten sich vor: Marcel Janco der Maler, Tristan Tzara, Georges Janco und ein vierter Herr, dessen Name mir entging. Arp war zufällig auch da und man verständigte sich ohne viel Worte. Bald hingen Jancos generöse »Erzengel« bei den übrigen schönen Sachen, und Tzara las noch am selben Abend Verse älteren Stiles, die er in einer nicht unsympathischen Weise aus den Rocktaschen zusammensuchte.

Hugo Ball: Die Flucht aus der Zeit, 5. Februar 1916.

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