Schreib Dein Buch!

DSC_0192 (2)Ich sitze am Schreibtisch und schreibe mein Buch. Nee, falsch. Man sitzt nicht am Schreibtisch und schreibt ein Buch. Man sitzt eher am Schreibtisch und schreibt Text um Text, auf dass sie sich fügen und Buch werden mögen. Denn Bücher sind klüger als Texter je werden. So viele Menschen sitzen nicht am Schreibtisch und schreiben kein Buch. Sie reden und reden: »Wer weiß eines Tages, vielleicht in der dritten Hälfte des Lebens schreib ich auch ein Buch.« Sie sagen, sie hätte so viel, ja, so viel zu erzählen. Doch ich sage ihnen: Nein, nein, das ist Quatsch! Lasst es bleiben und nutzt Eure Zeit sinnvoll. Erzählt lieber das Viele, was Ihr zu erzählen habt, euren Freunden und Kindern. Und hören die nicht zu, vergesst die Idee, die Geschichten in ein Buch zu klemmen. Vielleicht, das mag sein, in ein Tagebuch, doch keinesfalls braucht die Welt ein weiteres Buch, das niemand oder na ja: fast niemand liest.

Klar, Mutti wird sagen, dass ihr dein Buch ganz toll gefallen hat, und du fragst besser nicht nach, ob das auch für die eine jämmerliche Sexszene gilt. Und deine Freunde klopfen dir stolz auf die Schulter. »Hast es endlich geschafft, nach all den Jahren, die du erzählt hast, wie schwierig das ist mit dem Schreiben.« Und sie geben dir Getränk um Getränk aus. Sie ahnen, dass du mit dem Buch quasi nichts verdienen wirst können. Du lässt dich gerne einladen, denn leider, ja, leider haben sie recht.
Natürlich trifft dich der Fakt, dass sie dein Buch nicht gelesen haben. Du weißt es, sonst wären sie gewiss nicht mehr ganz so freundlich zu dir. Dein schlechtes Gewissen lässt dich oft nicht schlafen. War es recht, dass du deine Freunde so lächerlich darstellst, wie sie nun mal sind? Herrje! Wie machen die anderen Autoren das bloß? Denken die sich ihre Figuren am Ende gar aus? Aber ist das denn dann noch authentisch? Die Leute schreien schließlich andauernd nach Authentizität. Wohl deshalb liest keiner mehr Bücher. Ihr Leben ist schon authentisch genug vor lauter Eilmeldungen, Push-Up-News und Freundesanfragen.
Mit ein bisschen mehr Talent, da bist du dir sicher, wärst du Maler geworden, was Abstraktes geht immer. Da kann niemand erkennen, was gemeint ist, weshalb man mit etwas Glück reich wird damit. Denn die Richtigen sehen das Falsche darin und hängen die Bilder an die Wände ihrer Lofts. Die passen so gut zu den in Italien designten Möbeln und waren verglichen damit beinahe ein Schnäppchen. Und nach der Vernissage erzählst du am Tresen mit zehn Gläser Alte Pflaume im Bauch, du würdest bestimmt eines Tages ein Buch schreiben. Wenn du mal erzähltest, was du so erlebt hast in diesem Kunstbetrieb, ja wirklich. Noch aber musst du ein paar Bilder mehr verkloppen für vielstellige Summen, denn mit Büchern – mal ehrlich – verdient man kein Geld. Obwohl, so als prominenter Künstler, da könnte was gehen. Vielleicht auch ein Kochbuch. Ja, so was geht immer.
Ja, warum schreib eigentlich ich kein Kochbuch? Schreiben kann ich und kochen –na ja. Ich kann essen wie ’n Profi und der Rest geht von selbst. Muss ja keiner essen, was ich so notiere, und wenn es nicht schmeckt – wer hat’s denn gekocht? Ich etwa? Nein. Also: Man nehme Wasser. Man nehme Salz. Moment, das war gerade deutlich zu viel. Wir wollen ja nicht den Atlantik nachkochen. Wobei, keine so schlechte Idee. Und wer salzig isst, der kann auch trinken. Man nehme die Nudeln. Hm, was denn für Nudeln? Spaghetti mit Tomatentunke ist echt zu abgegessen. Das überrascht keinen mehr. Da fehlt echt der Thrill. Und Penne und Fussili, Farfalle und Co.? Laaaaangweilig!, hörst Du den Leserchor murren. Also schnell mal googeln. Auch, wie Fussili überhaupt geschrieben wird. Echt praktisch. Musst du nicht aufstehen, im Lexikon nachschaun oder im Küchenschrank – das lässt sich alles googeln. Und wenn man googelt, kann man ja gleich mal gucken, was bei Facebook so los ist. Oh, bloß ein einziges neues Foto mit Katzen! Immerhin süß.
Da fällt dir ein, du wolltest ja Karin zu deiner nächsten Lesung einladen. Karin gefällt dir. Die ist megasüß. Doch dafür müsstest du erstmal die Veranstaltung erstellen. Hm, denkst du, wenn du jetzt nur Karin einlädst … Die wird sich wundern. Zumal sie bestimmt uncool findet, zu einer Veranstaltung eingeladen worden zu werden, für die es bislang bloß eine einzige Zusage gibt und die ist von dir. Also muss du noch ganz viele andere einladen. Von denen sagt aber keiner zu. Du kennst das schon. Frühestens eine Stunde vor Showbeginn erwachen sie aus ihrer Klickstarre. Verdammt, denkst du, nicht mal deine Facebookfreunde interessieren sich für das, was du schreibst. Vielleicht wäre ein Kochbuch doch besser. Die posten und liken ja schließlich auch ständig ihr Essen, egal wie es schmeckt. Geschmack sieht man ja nicht.
Vom Gucken allein wird nur niemand satt. Bloß hungriger. Und nichts im Haus als schimmliges Brot. Und schimmliges Brot ist auch kein Vergnügen. Hm, »schimmliges Brot ist auch kein Vergnügen« klingt wie ein cooler Songanfang. Na, eher so Achtzigerjahre. Ob’s den wohl schon gibt? Oder gab in den Achtzigerjahren? Das könnt ich googeln. Warum sitze ich noch mal am Schreibtisch und schreibe kein Buch? Ach, mein Buch! Mit leerem Magen schreibt sich nicht mal ein Kochbuch.
Also los, raus mit mir. Vielleicht komme ich dann ja auch auf andere Gedanken. Und wie ich auf andere Gedanken komme: »Schreib Dein Buch!«, schreit es mir von allen Plakatwänden entgegen. »Schreib Dein Buch! Schreib Dein Buch! Schreib Dein Bu-huch!«
Ja, doch!, will ich zurückschreien. Ich schreib ja mein Buch. Wenn ich wieder zu Hause bin. Wenn der Abwasch erledigt ist. Und ich mir danach was zu essen mache und dann noch mal den Abwasch, damit ich beim nächsten Anfall von Selbstversorgung nicht erst wieder Geschirr spülen muss. Da verliert man gleich die Lust am Tellerbeflecken und löffelt das Essen lieber gleich aus der Pfanne, was leider – huh! – viel zu heiß ist. Und mit verbrannten Mund schreibt es sich auch nicht gut, es sei denn, man ist unterwegs im Katastrophengenre. Dr. Zunge – gefangen im Gaumen des Todes.
Wie kommt diese Schule des Schreibens überhaupt dazu, alle Welt anzumaulen, sie soll gefälligst ihr Buch schreiben? Und wie können die sich die Plakatkampagne leisten? Verdient man etwa mehr Geld damit, andere Leute zum Schreiben anzutreiben, als selber zu schreiben? Die Frage ist ja sowieso: Weshalb ein Buch schreiben, wenn man bereits eins hat. Ja, warum ruft mir niemand entgegen: »Lies dein Buch! Lies dein Buch! Lies verdammt noch mal dein blödes Buch!«
Bloß welches zuerst? Das ist wie vorm Essen den Abwasch machen zu müssen. Ich habe so viele Bücher zuhause, die ich nicht gelesen habe, da brauche ich doch eigentlich kein weiteres Buch mehr zu schreiben. Das wird eh nie so gut. Was ich natürlich nicht wissen kann, weil ich weder die ungelesenen Bücher kenne, noch mein ungeschriebenes Buch. Aber ich besitze zahlreiche Bücher, die ich mal für gut befunden habe. Da war ich allerdings jünger als heute. Alles, was man schon mal gemacht hat, hat man gemacht, als man jünger war. Kann ja sein, dass einem das jetzt gar nicht mehr gefällt. Das ist wie zu Hause bei Mutti. »Früher hat dir das doch auch geschmeckt.«
»Mutti! Ich ess seit über vierzig Jahren keinen Babybrei mehr.«
»Das wüsste ich aber.«
»Steht sogar in meinem Buch, Mutti!«
»Das wüsste ich aber.«
Ach, die Leute lesen einfach viel zu wenig. Ob es wohl eine Schule des Lesens gibt? Muss ich mal googeln. Und wenn nicht, mache ich eine auf. Und dann schreibe ich ein Buch darüber. Also, sollte ich tatsächlich dazu kommen. Vielleicht fange ich auch lieber an, niedliche Katzen zu fotografieren. Ich glaub, das hat deutlich mehr Potential.

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