Totentanz

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Die Fähre fährt schon lange nicht mehr. Böse Zungen behauptet, dies habe Wewelsfleths damals prominentester Bewohner, der Großschriftsteller Günter Grass veranlaßt, als er hörte, daß der Dichter Helmut Heißenbüttel in den Ort auf der anderen Seite der Stör ziehen wollte. Er habe sogar mit einem Willy Brandt-Satz gedroht. Continue reading

Touristenalarm in Wewelsfleth

Eine Gruppe Klischeetouristen tapert die Dorfstraße entlang. Wie auch immer sie hierherkommen, sie passen nicht nach Wewelsfleth. Viel zu sehen gibt es hier sowieso nicht. Ich sitze mit Gerd Gedig, dem Leiter des Eulenhofes, vor dieser Einrichtung für Alkoholabhängige, und beobachte. Am Döblinhaus gegenüber gehen die Touristen achtlos vorüber, beim rechten Edeka rütteln sie vergebens an der Tür – Mittagspause. Continue reading

Mein neues Landleben

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Neben der Einrichtung für Suchtkranke befindet sich der örtliche Weinladen, und beides liegt vis-à-vis dem Haus für Schriftsteller, in dem ich derzeit wohne. Wenn das mal kein Zeichen ist. In der Küche steht eine klebrige Flasche mit Johannesbeerschnaps, den Frau Keyn, die Haushälterin, regelmäßig ansetzt. Mitbewohner Achim sagt, er habe nach Genuß von zwei Gläschen dieses bonbonsüßen Getränks letzte Nacht besonders tief geschlafen. Continue reading

Hinterm Deich

doeblinhausJetzt bin ich also angekommen und habe Quartier bezogen, knapp hinterm Deich. Das Örtchen hat ungefähr eineinhalbtausend Einwohner, einen eigenwilligen Namen (nämlich Wewelsfleth), eine Werft, eine Dönerbude, eine Mehrzweckhalle, eine Kneipe, zwei Restaurants, einen Friseur, eine Bäckerei, einen Weinladen, eine Einrichtung für Suchtkranke, eine Sparkasse, einen Blumenladen, ein Elektrofachgeschäft, mindestens drei Zigarettenautomaten und zwei Edekas. Zwischen den beiden Supermärkten paßt nur ein schmaler Parkplatz und ein dreihundert Jahre altes, etwas schief wirkendes Haus, das vor fast vierzig Jahren von einem grimmigen Großschriftsteller mit noch größerem Gewissen gekauft und somit vor dem Abriß bewahrt worden ist. Als 1986 das nur fünf Kilometer entfernte Atomkraftwerk Brokdorf ans Netz ging, verließ der Schnauzbart den Ort, hinterließ in der Tiefkühltruhe eine Ratte und dem Berliner Senat das Haus, auf daß dieser in der eingemauerten Stadt lebende Autoren dorthin landverschickte, jeweils drei zur gleichen Zeit. Die Mauer ist längst weg, ich aber bin jetzt hier. Wenn man mit dem Fahrrad am Deich entlangfährt, immer geradeaus, ohne die Möglichkeit abzuzweigen, steigt in einem auch ein gewisses Mauergefühl auf. Allerdings ist diese Begrenzung grüner und es weiden Tiere drauf.
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