Das auffallend unauffällige Leben der Haushälterin Hannelore Keyn in der Villa Grassimo zu Wewelsfleth

keynbuchLetztes Jahr haben Peter Wawerzinek und ich uns für drei Monate im Alfred-Döblin-Haus zu Wewelsfleth einquartiert, um der von uns verehrten, leider verstorbenen Hannelore Keyn nachzuspüren, die dort lange als Haushälterin gewirkt hat und nebenbei Literatur beeinflusst hat. Denn das Döblin-Haus im norddeutschen Wewelsfleth beherbergt jeweils drei Stipendiaten, die ihr ungestört schreiben können. Und das geht auch ganz gut, solange einem nicht die Geister des alten Gebäudes dazwischenfunken, so auch der des Stiftes Günter Grass, weshalb man im spitznamenverliebten Berlin mitunter von der Villa Grassimo spricht. Continue reading

Plötzlich Brauseboy

Als Nils Heinrich im Januar 2003 nach Mitstreitern für eine noch zu gründende Lesebühne suchte, war ich anderweitig beschäftigt, nicht nur, weil ich gerade zusammen mit Frank Sorge die Hostienbäckerstöchter in Neuendettelsau besucht habe. Frank aber hatte nichts weiter vor. Und so wurde er Brauseboy und ich lediglich Zuschauer bei der Premiere im März 2003. Viele Male war ich Gast auf ihrer Bühne, manchmal sah ich ihnen auch nur als Publikumsteil zu. Das wird sich ab heute ändern. Ich bin zwar viel mehr beschäftigt als vor 13 Jahren, obwohl ich mitunter nicht weiß, womit. Zumindest weiß ich ab heute aber, wo ich (fast) jeden Donnerstag ab 20 Uhr sein werde: im Weddinger La Luz bei den Brauseboys. Siehe auch hier.

Zugegeben, …

grasssaal

Zugegeben, ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt für Autorennachwuchs, einem Haus, in dem ein ganz Großer einst mit Wucht geschrieben und gelebt hat.
An dem Tag, an dem Günter Grass gestorben ist, saß ich in seinem ehemaligen Arbeitszimmer, einem barocken, saalartigen Raum mit glasierten Bodenfliesen, im Rücken ein lange stillgelegter, auf 1698 datierter Kamin, vor den Fenstern die Wewelsflether Dorfkirche von 1593. Der freie Blick wird behindert von einem noch blattlosen Walnussbaum, den Grass 1974 anlässlich der Geburt seiner Tochter Helene gepflanzt hat.
An dem Tag, an dem Günter Grass gestorben ist und ich in seinem vormaligen Zimmer saß, habe ich nicht geschrieben. Ich habe ferngesehen – in dem Zimmer, in dem er am Butt-Manuskript gearbeitet hat! Jetzt steht da, etwas verschämt in der Ecke, ein riesiger Flachbildschirm. Den habe nicht ich dort platziert, das geschah im Auftrag der Akademie der Künste, deren Präsident Grass einst war und der er das Haus, in dem ich derzeit wohnen darf, vor dreißig Jahren geschenkt hat. Continue reading

Über die Dörfer der ferneren Umgebung

Derzeit wohne ich voll im Dorf. Mitten drin in Wewelsfleth. Immerhin halten direkt neben dem Haus gefühlt andauernd Busse. Zumindest morgens und mittags. Für Schulkinder. An der Haltstelle hängen mehrere Fahrpläne jeweils für die ganze Strecke. Allerdings muss man sie genauestens studieren, weil die Linienführung variiert. Der 6531er, der um sechs Uhr 49 am Markt in Glückstadt startet, fährt nicht über die Kaserne, dafür über Borsfleth und Wewelsfleth, wo er auch endet. Continue reading

Abschied von Wewelsfleth

Ich habe meinen Wewelsflether Schreibtisch leergeräumt. netz_an lampeNach diesem Eintrag werde ich auch den Computer einpacken und ein letztes Mal in diesem Haus schlafen gehen.

Beim Zusammenräumen mußte ich auch das Netz meiner Schreibtischspinne zerstören, denn dessen Fäden waren an meinem Zeug, auch an Zetteln, befestigt.

Wenn ich beim Schreiben nicht weiterkam, beobachtete ich die Spinne, die auf dem Lampenschirm Posten bezogen hatte. Continue reading

Totentanz

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Die Fähre fährt schon lange nicht mehr. Böse Zungen behauptet, dies habe Wewelsfleths damals prominentester Bewohner, der Großschriftsteller Günter Grass veranlaßt, als er hörte, daß der Dichter Helmut Heißenbüttel in den Ort auf der anderen Seite der Stör ziehen wollte. Er habe sogar mit einem Willy Brandt-Satz gedroht. Continue reading

Gut Holz

grassikettBei den Mülltonnen steht ein alter, kaputter Koffer. Dem Reiseetikett zufolge war ein Mitglied der Familie Grass damit in Portugal. Vielleicht sogar Herr Günther persönlich, die Handschrift sieht allerdings eher weiblich aus. Der Koffer ist auch leer. Kein altes Manuskript steckt darin, nicht einmal ein Schnauzbarthaar. Dennoch soll Hausmeister P. erwogen haben, den Koffer an Literaturfreaks zu verkaufen. Continue reading

Eingekocht

Diese Tomatensoße habe ich wohl ein bißchen zu lange einkochen lassen:eingekochte_tomatensosse

Es half auch kein Schönreden. Nicht nur, daß sie ziemlich bitter schmeckte, zunächst bekam ich sie nicht mal mehr aus dem Topf, weshalb ich mich dann für Neukochen entschieden haben. Um den Topf aber nicht auch entsorgen zu müssen, schon weil schon Günter Grass Judith Hermann Peter Wawerzinek Milch Buttsuppe darin gekocht haben könnte, wandte ich die Backpulvermethode an, mit der ich auch schon verstopfte Abflüsse frei bekommen habe. Man streue den Inhalt eines Tütchens Backpulver in den Topf, fülle ihn halb voll mit Wasser und lasse dann das Ganze aufkochen. Bislang hatte ich dies nur mit leicht Angebranntem praktiziert, doch mein neues Essen im Nebentopf war noch nicht fertig, da stieg plötzlich etwas auf: Der Ex-Tomatensoßefladen. Und der Topf ist wieder der Alte, jedenfalls fast, nur ein paar Rückstände müssen noch weggeschrubbt werden. Allerdings riecht es im Haus noch etwas verbrannt. Ich hoffe, das geht wieder weg, das wäre keine Erinnerung an mich, die ich hier gerne zurücklassen würde.

Touristenalarm in Wewelsfleth

Eine Gruppe Klischeetouristen tapert die Dorfstraße entlang. Wie auch immer sie hierherkommen, sie passen nicht nach Wewelsfleth. Viel zu sehen gibt es hier sowieso nicht. Ich sitze mit Gerd Gedig, dem Leiter des Eulenhofes, vor dieser Einrichtung für Alkoholabhängige, und beobachte. Am Döblinhaus gegenüber gehen die Touristen achtlos vorüber, beim rechten Edeka rütteln sie vergebens an der Tür – Mittagspause. Continue reading

Krawattenhalter

krawattenhalterEs gibt viele Anekdoten, aus dem Alfred-Döblin-Haus. Eine der seltsamsten hat H. P. Daniels in seinen Wewelsflether Halbwahrheiten überliefert. Demnach habe ein Autor im Bad neben dem Waschbecken einen Handtuchhalter abgeschraubt und in der Abstellkammer nebenan wieder angeschraubt, um seine Krawatten drüberzuhängen. Ich habe diese Geschichte nicht so recht verstanden, bis mir Achim neulich die Kammer neben dem Badezimmer unterm Dach gezeigt hat. Die ist leer, aber in der einen Ecke ist ein Handtuchhalter angebracht, irgendwie nutzlos. Vor allem, wenn man keine Krawatten trägt.