Wo’s ja gerade in Ägypten so abgeht, muß ich mal ein Geständnis machen. Ich habe neulich, also noch im letzten Jahr, von Mubarak geträumt. Und das ging so: Ich war zu Besuch bei meinen Eltern, die mir erklärten, Mubarak und sein Sohn seien auf der Terrasse. Und tatsächlich: Draußen tanzten zwei Männer ihre Hemden schwenkend mit nackten Oberkörpern um den Tisch herum. Der ältere war etwas fülliger und der andere sah aus wie dieser Schönling aus diesem Bohlencasting (wie hieß der gleich? Fadi Äh-Malouf oder so). Mehr weiß ich nicht mehr, aber ich ahne, wo Mubarak klingeln wird, wenn er dann demnächst abtritt. Vielleicht baut er meinen Eltern ja zum Dank für die Aufnahme ‘ne Pyramide in den Garten.
Autor: Thilo Bock
Macht nix
Habe mir vorgestern Nirvanas Nevermind gekauft. Die hatte ich bislang nur als Kassette. Dachte, wird mal Zeit, das Werk in meine Sammlung einzureihen. 1992 war ich kurz davor, in Prag eine billige tschechische Pressung zu erwerben. Woran das gescheitert ist, weiß ich nicht mehr. Nevermind ist vor zwanzig Jahren erschienen. Ich weiß noch, wie ich die Platte kurz nach Erscheinen bei einem Freund das erste Mal gehört habe. Damals hieß es, Nirvana wären das nächste große Ding. Ich fand ja Hole besser.
Hähnchendönerpizza
… ausgelöffelt, abgerockt …
Ich glaube, früher war ich empfänglicher für Musik. Ständig gab es ein Lied, das ich immer wieder hören wollte. Meistens habe ich mir das dazugehörige Album besorgt und zum Knistern gebracht hat. Dieses Früher ist gar nicht mal so lange her. Heute komme ich mit sehr wenig neuer Musik aus. Die Stille hat auch seine Vorteile.
Manchmal bekomme ich CDs geschenkt, oft sogar von denen, die darauf singen. Das freut mich und ich höre die Werke mit Wohlwollen. Glücklicherweise kenne ich fast nur Leute, die wissen, was sie tun.
Und so landete vor einigen Wochen die neue CD von Mutabor in meinem Abspielgerät. Wo sie bis heute geblieben ist. Das Blaue ist ein rundum gelungenes Album. Poppig, doch nicht zu seicht, gut gelaunt, aber nicht schunkelig. Einer der Smashhits unter den zwölf hitverdächtigen Liedern ist Jamma (gibt’s hier als Video anzuschauen). „Ich bin ausgelöffelt, abgerockt, ich bin mies drauf, ich hab überhaupt keinen Bock“, heißt es dort, und es gibt Momente, an denen man das unbedingt mitsingen möchte. Raffiniert daran ist, daß es der Song kein Bißchen schwermütig ist, sondern ziemlich fröhlich macht. So verhält es sich mit der gesamten Platte. „Viva la humanidad“ ruft Axl Makana. Wenn man erkannt hat, daß das System Mensch gescheitert ist, kann man viel besser mit der eigenen Misere umgehen. Und beschwingt zwischen den Ruinen der Realität tanzen. Natürlich zu der Musik von Mutabor.
Mutabor: Das Blaue. Im Vertrieb von Buschfunk. http://mutabornet.de
Übrigens wird Axl Makana am 26. Dezember zusammen mit mir Dichter als Goethe sein.
Die einen so, die anderen so.
Currywurst frisch vom Feld
Der Currywurstverzehr ist nicht frei von Risiken. Deshalb züchtet das Bundesinstitut für Risikobewertung seit Neuestem eigene Currywürste. Die wachsen komplett mir scharfer Soße am Stengel und werden pünktlich zum Erntedankfest im Oktober an die hungernde Bevölkerung Marienfeldes verteilt.
Wie’s schmeckt, weiß noch keiner, wobei die Zeichnung ein Hinweis sein könnte. Ist das nicht? Ja, sicher, das ist ja wohl niemand anderes als Mr. Hankey, der beliebte Weihnachtskot aus South Park!
Maurenbrecher für alle
Manfred Maurenbrecher ist dieses Jahr sechzig geworden, und genau die Hälfte seines Lebens hat er auf Bühnen gestanden. Natürlich nicht andauernd, aber beständig. Es war also höchste Zeit, ihn zu ehren. Und weil’s irgendwer tun muß, haben Andreas Albrecht, Heiko Werning und ich versucht, möglichst viele Freunde, Weggefährten und Bewunderer Manfreds zusammenzubringen, um für eine Hommage einige seiner Lieder neu aufzunehmen. Es hat eine Weile gedauert, doch in einem Monat erscheint endlich Maurenbrecher für alle, eine Box mit drei CDs mit insgesamt 62 Stücken. Mehr hätte gar nicht raufgepaßt. Weiterlesen
U-Bahn-Party
So vor zwanzig Jahren habe ich mal von einer S-Bahn-Party gehört. Eine Horde junger Menschen stürmte einen S-Bahnwagen und machten ihn zum Festwaggon. Sie hatten Bierkästen dabei, einen Ghettoblaster und vielleicht noch ein paar Dekoelemente. Vorhandene Fahrgäste mußten mitfeiern, ob sie wollten oder nicht.
Seitdem wollte ich auch gern einmal so eine Guerillaparty mitmachen. Anfang der Neunziger planten ich und zwei, drei Gleichgesinnte eine U-Bahnsilvesterparty mit Palettenbier, Knabberkram und Luftschlangen. Leider wollten keiner unserer Freunde mit uns fahren. Weshalb wir damals am Ende einer halblangen Nacht in diversen Verkehrsmitteln auf einer zweifelhaften Feier in Lübars verendet sind. Meine einzige Freude ist ein Laib Graubrot gewesen, dessen Geschmack mich so betört hat, daß ich ihn nicht bloß die ganze Zeit mit mir rumgetragen habe, nein, ich mußte zudem noch jeden nötigen, von dem Brot zu kosten.
Erst neulich erfuhr ich durch Zufall, daß ein mir gut bekannter Weddinger Zampano damals bei der eingangs erwähnten S-Bahnparty dabeigewesen ist. Sofort blühte die alte Idee erneut in mir auf. Um am nächsten Tag gleich wieder zu verwelken.
Am Wochenende war es endlich soweit. Ich war mitten drin in einer U-Bahnparty. Eine Horde junger Menschen stürmte am Bahnhof Warschauer Straße einen Waggon, klebte gelbe Müllsäcke vor die Lampen, hängte eine kleine Diskokugel auf, wuchtete Sternburgkästen auf die Sitze und stellte eine Box daneben, aus der sehr laute Elektrobeats dröhnten. Der Zug setzte sich in Bewegung. Die Gruppe kreischte, die Gruppe tanzte ein wenig, die Gruppe fotografierte sich gegenseitig mit ihren iPhones. Alle waren bester Laune. Nur einer nicht.
Ich war nämlich gegen Mitternacht übermüdet, aber fröhlich nach der Abschlußfeier der diesjährigen Sommerschreibwerkstatt aufgebrochen, um möglichst schnell in mein Bett zu kommen. Hatte mich mit Gepäck durch die Partymeute auf der Warschauer Brücke gekämpft und danach registriert, daß ich mich ab Möckernbrücke auf Schienenersatzverkehr einstellen mußte. Gerade fing mein Walkman an, mir leise Tönen ins Ohr zu schmeicheln, als ich keinen Ton mehr davon vernahm. Die Box der feierwilligen Meute war lauter. Gerne hätte ich den Waggon gewechselt, doch wie, ohne beim Umsteigen zu riskieren, nicht schnell genug zu sein. Dafür mußte ich mir anhören, was für ‘n Spielverderber ich sei. Klar, mein Koffer stand auf ihrer Tanzfläche, aber der stand ja schon da, bevor es eine wurde.
Ich glaub, für manche Sachen bin ich inzwischen wirklich zu alt.
Gisberts Heimspiel
Ein herrlicher Sommerdonnerstagabend und selbst das Rauschen der nahen Schnellstraße wirkt fast maritim. Auf der großen Wiese inmitten des Weinguts des Barons zu Knyphausen im beschaulichen Erbach bei Eltville sind Zelte aufgebaut, die meisten, um vor möglichem Regen zu schützen, was unnötig ist, denn der tiefblaue Himmel ist wolkenlos. Es gibt einen Essensstand, betrieben von der sogenannten ›Diktatur des Geschmacks‹. Der Name ist Programm, der Anspruch ›Hausmannskost goes Lifestyle‹ dagegen eher nicht. Es gibt nämlich Hotdogs in großen, labbrigen Brötchen mit Eisbergsalat und Streukäse. Und das ausschließlich. Vegetarische Alternativen sind nicht vorgesehen, man kann aber gern auf die Wurst verzichten, bei gleichem Preis.
Am Getränkestand gibt es hauptsächlich Wein, was auf einem Weingut sinnvoll ist, wer da Bier bestellt, dem ist sowieso nicht geholfen. Man kann ihn glasweise kaufen oder gleich eine ganze Flasche. Baron zu Knyphausen benennt einige seiner Weine nach seinen fünf Söhnen. Einer heißt Gisbert. Den gibt es als Riesling und als Pinot noir. Und es gibt ihn, also Gisbert zu Knyphausen, nicht den Wein, auf CD. Seine erste habe ich im letzten Sommer beinahe ausschließlich gehört. Gestoßen bin ich auf ihn, weil der Rolling Stone mein Buch besprochen hat, weshalb ich im Zeitschriftenladen darin blättern wollte. Ging aber nicht, denn das Heft war eingeschweißt wegen einer Beilagen-CD mit einem Konzertmitschnitt Gisberts. Ich begann, mich mit seiner Musik zu beschäftigen, war begeistert von seinen Texten, wie seit langem nicht mehr.
Denn natürlich waren ich und die gut achthundert anderen nicht wegen des Weines oder des schönen Ambientes nach Erbach gekommen. Jedenfalls nicht zuvorderst. Auf der Mitte der Wiese stand ein Pavillonzelt mit einer niedrigen Bühne, vollgestellt mit Instrumenten. Gisbert gab sein alljährliches Heimspiel, und aus ganz Deutschland waren die Freunde seiner Musik sowie Familie gekommen, um ihm und seiner grandiosen Band an diesem wunderschönen Sommertag zuzuhören. Zwischendurch brachte ihm seine Oma ein Glas Wein, und Gisbert bat um einen Applaus für die zarte weißhaarige Dame, ohne die »wir heute alle nicht hier wären«. Die Oma lächelte selig, und alle anderen auch.
Das ist die Kunst Gisberts: Lieder zu schreiben, die fröhlich stimmen, so trübsinnig ihr Inhalt mitunter ist. Nicht zufällig verspricht er der Melancholie, daß sie ihn nie kleinkriegen werde. Das Konzert beginnt er dann auch gleich mit einem, wie er sagt, besonders melancholischen Song, dann haben wir es hinter uns. »Herzlichen Glückwunsch / Du hast alles verloren«. In Sommertag beschreibt er das lähmende Gefühl, nie wieder aus dem Sessel hochzukommen, in dem man es sich bequem gemacht hat, doch kaum klingelt das Telefon, ist man rasend schnell am Apparat – vielleicht wird man ja gebraucht. Und sowieso, wenn man sich einmal mit dem Dasein abgefunden hat, ist es eigentlich ganz schön. Eben wie ein wunderschöner Sommertag.
Gisbert zu Knyphausens Melodien sind leicht und sehr eingängig, die Arrangements nicht zu soft. Wer ihn mit Reinhard Mey vergleicht, den ich durchaus schätze, sieht nur die Gitarre und hat zudem was an den Ohren. Die ersten zwei deutschsprachigen Platten von Element of Crime sind ähnlich, und trotzdem ganz anders. Sven Regner begegnete der Schwermut zwar mit Humor, bloß ist der leicht zu überhören und dann wirken die Songs mitunter bräsig. Statt Ironie kommt bei Gisbert eine latente Fröhlichkeit zum Zuge. Selbst im Trennungsschmerz erinnert er sich an das Lachen der Verflossenen und bittet sie, dieses Lachen bei sich zu tragen, wenn sie geht, »ich mag es sehr«. Manchmal ist er dann auch tieftraurig und untröstlich. Wenn jemand stirbt, na klar. Wobei, ganz am Ende von Seltsames Licht heißt es: »Aber wir sehen uns wieder ganz bestimmt. / Irgendwann.«
Gisbert, der »Freund von Klischees und funkelnden Sternen«, hat so seine Schwierigkeiten mit der Schwerkraft. Wo ist oben, wo unten? Singt Gisbert, nimmt er uns die Flugangst, auf daß uns allen wunderbare Flausen aus dem Kopf wachsen.
Das Konzert ist vorbei, aber keiner mag gehen. Es ist auch noch reichlich Wein da. Und am Himmel funkeln die Sterne. Es ist kühl geworden, am Ende eines Sommertages im Rheingau.
Selbst die skeptische adlige Verwandtschaft zeigt sich zufrieden. Am Imbißstand höre ich jemand hinter mir sagen, sie alle seien ja heilfroh, daß aus dem Gisbert doch noch was geworden sei.
Neuerdings wohnt Gisbert zu Knyphausen nach einigen Hamburger Jahren wieder in Berlin. Und am Freitag gibt er ein Konzert im Heimathafen Neukölln. Hingehen! Das ist ein Befehl.
Eiswürfel im Aquarium
Zu WM-Zeiten hat man spätestens ab eins einen Grund, den Fernseher einzuschalten. Oder den Livestream. Oder das Radio. Oder man geht gleich in die Kneipe. Früher, so vor fünfzehn Jahren, mußte man sich in gewissen Kreisen noch rechtfertigen, warum man bei Schwarzrotgold mitfiebert, wo ja die andere Länder viel schöneren Fußball spielen könnten. Na ja.
Heute muß man schon viel Geduld haben, um sich uneingeschränkt einer Partie zu widmen. Oder waren Gruppenphase immer gurkig? Ich erinnere mich jedenfalls noch gut an jenen Sommertag vor vier Jahren, wo wir zu lange am Flughafensee gelegen haben und dann eilig durch Reinickendorf und Wedding geradelt sind, auf der Suche nach einem öffentlichen Fußballguckort, möglichst unter freiem Himmel. Schließlich trat Frankreich gegen die Schweiz an, da hatten wir uns ein gutes Spiel erhofft.
Gelandet sind wir damals schließlich in der stickigen Hütte vom Bootsverleih am Plötzensee, vor einem kleinen Fernseher mit zwei schnatternden, älteren Blondinen – kieken aber nur, wenna och wat trinkt –, der Sonne im Nacken, einem kleinem Hund mit viel Fell, der bevorzugt unter meinem Stuhl hockte, und einem Ex-Fremdenlegionär mit Basecap und Knasttattoos, der in regelmäßigen Abständen durchs Bild schlurfte, um beispielsweise Eiswürfel ins Aquarium schüttete, damit die Fische nicht so schwitzen. War ja och janz schön warm da, das Nullzunull dafür jedoch weitaus unterhaltsamer, als wenn wir es woanders geguckt hätten.

