Schnee von 1980

Sven Regeners siebenter Roman »Frankie und Freddie« ist unterhaltsam und wirkt wie ein verquatschter Kneipenabend, an dessen Gesprächsinhalte man sich anderntags nur unzureichend erinnert, was am Alkohol liegen mag, vielleicht aber auch an der inhaltlichen Banalität. Ich habe das Buch nüchtern gelesen und auch die dort auftretenden Personen sind ziemlich nüchtern. Erst gegen Ende wird viel Glühwein getrunken. Passte nicht zu meiner Außentemperatur. Dank dem Galiani Verlag hatte ich das Buch bereits im Sommer.

Bei mir war‘s sehr warm, im Buch ist Winter, der Tag vor Heiligabend. Und es schneit. Nun hat es laut Internet Weihnachten 1980 (da spielt der Roman) in Berlin nicht geschneit. Das mag egal sein, wie auch die Tatsache, dass es vor 1983 keinen Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gab. Der fand damals in den Messehallen unterm Funkturm statt. Und »an Weihnachten« hat 1980 auch keiner gesagt. Oder doch? Im Buch sagt das Chrissie, ursprünglich aus Stuttgart kommend. Und dort wurde das schon so gesagt. Sven Regener könnte in diesem Punkt genauer sein als gedacht. Denkt man, und dann sagt auch der norddeutsche Freddie »an Weihnachten«.

Eine Diskussion darüber, warum »an Weihnachten« sagen quatsch ist, könnte ein ganzes Kapitel in Regeners Buch füllen. Das Ausloten von solchen Details ist eine Stärke des Autors.

Für die Geschichte sind solche Anachronismen egal, für die Glaubwürdigkeit eines historischen Romans nicht ganz so. Vergangenheit war eben anders. Da gab es nicht einmal Pfandbecher für Glühwein auf Weihnachtsmärkten. Bei Sven Regener schon. Sein West-Berlin im Jahr 1980 ist eben ein ausgedachtes. Ich persönlich finde es schade, kann aber damit gut leben.

Schwieriger wird es, wenn es in der Geschichte hakt. Da – Achtung, Spoiler, ist aber in diesem Fall eigentlich auch egal – fahren die Lehmann-Brüder zu einer Tankstelle mit einem Auto, dessen Motor nicht abgewürgt werden darf wegen der schwachen Batterie. Nur soll dort ein laufendes Auto nicht betankt werden. Das sorgt für ausschweifende Dialoge. Das Auto geht dann trotzdem aus. Später ist die Batterie gewechselt, der Tank aber immer noch leer, was plötzlich kein Problem mehr zu sein scheint. Es wurde schlichtweg vergessen. Von den Figuren. Und vielleicht auch vom Autor …

Insgesamt eine Lektüre, die Spaß macht und wieder schnell vergessen sein wird. Für Anhänger des Herr Lehmann-Kosmos trotzdem Pflicht. Immerhin ist ja ungefähr jeder zweite Roman ein großer Wurf. Warten wir also auf Nummer acht.

Machen historische Ungenauigkeiten skeptisch bezüglich der Wahrheit anderer Darstellungen, scheint Sven Regener zumindest einen U-Bahn-Plan von 1980 vor sich gehabt zu haben. An den arbeitet er sich nahezu ab, schickt seine Figuren von Kreuzberg nach Charlottenburg, in den Wedding und mit Umstieg in die S-Bahn bis nach Schöneberg. Bei U1, U2 und U3, die im Laufe der Zeit ihre Trassen getauscht haben, kennt er sich aus.

Zweifelsohne ist der Roman blendend geschrieben, die Sätze mäandern durch den Text wie die handelnden Personen durch Berlin. Der ganz große Spaß, wie es »Herr Lehmann«, »Neue Vahr Süd«, »Magical Mystery« und »Glitterschnitter« waren, ist »Frankie und Freddie« leider nicht.

Teile diesen Beitrag mit der Welt