
Drei Wochen nachdem ich Christopher Nolans Odyssee gesehen habe, beschäftigt mich der Film noch immer. Direkt nach Verlassen des Kinos war ich überwältigt von der Opulenz in Bild wie Ton und habe beim anschließenden Kneipengespräch für diese Interpretation des Epos Partei ergriffen, fand die meisten Abweichungen vom Text plausibel, sogar die Muffeligkeit Matt Damons stimmig, obwohl ich den stolzen Odysseus vermisst habe, dessen lange Reise einer Lernkurve gleicht von der Behauptung »Niemand« zu heißen bis hin zum Erinnerten »Ich bin Odysseus« am Hof der Phäaken.
Dass die ihn liebende Prinzessin Nausikaa von Nolan ersatzlos gestrichen wurde, habe ich bedauert, aber hingenommen, sonst wäre der Film noch länger geworden (und in Berlin keine Kneipe mehr geöffnet für die Nachbesprechung).
Die so gesparte Screening-Zeit habe ich investiert in weitere Beschäftigungen mit dem Sujet. So lief im Fernsehen Die Fahrten des Odysseus mit Kirk Douglas von 1954. Gerade was die Frisuren angeht, könnte man meinen, da sei wegen des geringeren zeitlichen Abstands zum alten Griechenland eine gewisse Nähe zum Original vorhanden. Und ja, ich kann Trash etwas abgewinnen. Und das Pappbeil des Polyphem war eins meiner Highlights in dieser Verfilmung und Kirk Douglas eben noch ein richtiger Held.
Nicht so ’n woker Odysseus des Jahres 2026, der mit Abscheu durch das Gemetzel von Troja läuft und die nächsten zehn Jahre dennoch weiter auf Brandschatztour ist, bevor er in seinem Palast die männliche Konkurrenz niedermetzelt.
Deutlich besser als der sandaleske Monumentalstreifen von 1954 gefiel mir der gerade mal zwei Jahre alte Rückkehr nach Ithaka mit Ralph Fiennes und Juliette Binoche in den Hauptrollen. Der Film konzentriert sich auf das Ende des Epos und somit auf den einzigen Teil der Geschichte, der in ihrem Rahmen als wahr zu gelten hat, auch wenn Odysseus durch sein fortgesetztes Lügen alle Warnzimbeln dröhnen lässt: Hat er tatsächlich all die phantastischen Episoden der Odyssee durchlebt oder lag er in Wahrheit zehn Jahre lang in irgendeinem Gebüsch herum und nur seine Phantasie war auf Reisen?
Vor allem aber rückt hier die einzige Person in den Mittelpunkt, die ihm das alles glauben muss, um sene zwanzigjährige Abwesenheit im Nachhinein akzeptieren zu können, nämlich Penelope. Die Odyssee ist schließlich eine zumindest behauptete Liebesgeschichte. Odysseus will ja vor allem zurück zu Frau und Kind, sonst hätte er ja auch bei Circe, Calypso oder Nausikaa bleiben können.
Ich nehme an, Regisseur Uberto Pasolini hat den 1997 er-schienenen Roman seines Landsmannes Luigi Malerba gelesen, der ebenfalls die Geschichte der Rückkehr erzählt, wenn auch einige andere Akzente setzt. Nach fast dreißig Jahren habe ich »König Ohneschuh« (deutsch beim Verlag Klaus Wagenbach) gerne wieder gelesen.Hier ist Penelope Odysseus wirklich ebenbürtig und mit dem modernen Blick ahnt man, was die Liebe des Kriegers zu seiner Gattin so groß macht: die beiden agieren auf Augenhöhe. Und selbstverständlich erkennt sie den Geliebten ohne Zögern. Warum sollte sie auch weniger Gespür haben als sein alter Hund?
Trotzdem lässt Penelope Odysseus lange zappeln, zweifelt seine Identität lange an. Er muss sie erst von sich überzeugen, beweisen, dass er wirklich aus Liebe zu ihr zurückgekehrt ist und auch vor hat zu bleiben.
In antiken Fortschreibungen des Epos gibt es auch Varianten, in denen es Odysseus nicht auf Ithaka aushält und wieder davonsegelt. Christopher Nolans Idee, Penelope und Odysseus gen Westen fahren zu lassen, wirkt erstmal romantisch, verspottet jedoch letztlich Penelopes langes Warten. Er hält es nicht aus bei ihr auf Ithaka (und bei seinem Sohn, über den es auch viel nachzudenken gibt, was ich an dieser Stelle unterlasse), sondern schippert mit ihr ins Ungewisse, in eine angenommene Unsterblichkeit, vergleichbar mit Valinor im »Herrn der Ringe«.
Die Variante der Unsterblichkeit die Malerba Odysseus anbietet, ist da weitaus charmanter – er wird zum Erzähler seiner eigenen Geschichte, der dafür sorgt, dass man sie auch tausende Jahre später nicht vergessen haben wird. Ob man dem notorischen Lügner Odysseus glaubt, bleibt jedem selbst überlassen. Daher lässt Malerba Odysseus mit Penelope im Wechsel erzählen, um ihm nicht die alleinige Hoheit an der Geschichte zu überlassen.