»They say it’s your birthday«

Heute vor 50 Jahren ist das Weiße Album der Beatles erschienen. Ich habe es erst im Herbst 1987 erstanden. Da war ich 14. Die 17 Jahre, die zwischen dem Datum des Auseinandergehens der Fab Four und meinem Fantum lagen, wirkten auf mich zu dieser Zeit naturgemäß ziemlich lang. Ihre Musik bedeutete mir damals sehr viel. Ich besaß erst seit dem Sommer einen eigenen Plattenspieler. Nach der Compilation The Beatles 1962-1966 war das Weiße Album meine zweite Platte von ihnen, eigentlich passend, hieß sie doch The BEATLES. Nach der Retrospektive die uneingeschränkte Nahaufnahme.

Andere Alben der Alben überspielte ich mir auf Kassetten, darunter The Beatles 1967-1970, ausgeliehen im Bücherbus als Doppelaudiokassette. In den Achtzigern kaperten Audiopiraten per Doppeltapedeck. Weil die bevorzugte MC90 zu kurz war, musste ich auf einen Song verzichten. Meine Wahl fiel auf While My Guitar Gently Weeps. Mit Gitarre hatte ich es mit 14 noch nicht so. Ich war mehr so der Klaviertyp. Zu den Beatles war ich wegen einer Benefiz-Version von Let It Be gekommen. Den Song fand ich super, auch wegen des Pianointros. Mein Schulfreund Markus legte – während wir Oh Mummy von der Datasette spielten – eine Beatles-LP seiner Eltern vor. Darauf auch With A Little Help From My Friends. Ich war geflasht.

Mit den Beatles lernte ich gleichzeitig die Geschichte der Popmusik kennen und lieben. Für mich eine Art Crashkurs. Vom Rock’n’Roll und Beat der frühen Jahre zur Erfindung der Popmusik aus dem Rausch heraus bis zur Soundcollage. Das Weiße Album habe ich wohl auch gekauft, weil ihm ein Poster und vier Porträtfotos der Band beilagen. Das von John Lennon hing später lange Jahre unter Glas über meinem Nachttischchen.

Bis es soweit war, musste ich mich erst einmal an die Musik gewöhnen. Tatsächlich – ich kann mich erstaunlicherweise sehr gut an meine ersten Höreindrücke erinnern – brauchte ich eine Weile für diese Platte. Bei Songs wie Bungalow Bill fühlte ich mich (gelinde gesagt) zunächst verarscht. Waren wir hier bei der Sesamstraße? Was waren das für hohe, verstellte Stimmen? Und wieso sang man über einen Großwildjäger aus einem Bungalow? Anfangs bevorzugte ich die lieblicheren, fröhlich intonierten Songs von Paul McCartney. Wobei ich Paul und John noch gar nicht recht auseinanderhalten konnte.

Ich hatte dieses Album gekauft. Für verdammte 24 Mark. Und ich war Fan der Beatles. Also habe ich mir das Weiße Album erarbeitet. Und irgendwann habe ich es geliebt, mehr als jede andere Platte. Ich kenne jeden Ton darauf, habe von ukrainischen Girls geträumt und alles durch die Glaszwiebel gesehen, bin zu Helter Skelter abgegangen, war bereit zur Revolution, auf dass mir Ringo ein Einschlaflied singt. Auch wenn ich die Musik zwischenzeitlich lange nicht gehört habe, war und bin ich sofort wieder drin. Back In The USSR.

Begeistert habe ich die Platte meinen Omas vorgespielt, Jahrgang 1911 und 1912. Wahrscheinlich waren sie mehr angetan von meiner Begeisterung als von der Musik, aber geduldig haben sie auch die Porträts meiner Helden betrachtet und fanden die Jungs irgendwie sympathisch. 1987. Da waren beiden über 75. Was sie 1968 von langhaarigen Gammlern gehalten haben mögen, spielte keine Rolle mehr, zumindest für die Dauer der Musik.

Meine Obsession für John Lennon ging soweit, dass ich unbedingt eine Brille haben wollte. Natürlich nicht irgendeine, sondern eine kleine, runde Nickelbrille. Die war 1990, als es endlich soweit war, leider gerade nicht so gefragt. Mein Optiker hatte ein historisches Modell vom Flohmarkt aufgetrieben, das super war, aber leider jede Woche gerichtet werden musste. Letzten Sommer habe ich im Schaufenster eines ostwestfälischen Brillengeschäfts die John-Lennon-Eyewear-Kollektion bewundern dürfen. Der Ausverkauf geht also weiter. Vor 28 Jahren hätte ich mich gerne daran beteiligt.

Jetzt erscheinen ja alle möglichen Jubiläumseditionen von Beatlesalben, so eben auch die meines Lieblingsalbums, inklusive diverser Demoaufnahmen. Einige kenne ich von Bootlegs und anderen Veröffentlichungen, mit denen die Marke Beatles immer wieder Geld in irgendwelche Kassen spült. Man kann sich das alles online anhören. Interessant sind die alternativen Fassungen ja, aber es gab schon Gründe, warum sie nicht veröffentlicht worden sind.

Kurz habe ich trotzdem den Kauf erwogen. Nur wieso? Ich besitze doch bereits mein Exemplar. Nicht die erste Pressung. Aber die erste, die ich gehört habe. Und auf ihr ist alles drauf, was ich vom Weißen Album hören will. Okay, eine Aufnahme existiert, die fehlt definitiv. Und sie fehlt auch in der Doch die ist nicht einmal der neuen Superduperedition, obwohl diese sogar vier Fassungen des Songs enthält. Leider ist keine so ergreifend wie die, die 1989 veröffentlich wurde, von einem der besten Lieder der LP: While My Guitar Gently Weeps. Inzwischen finde ich Gitarre echt ganz okay.