Uff eemal klopp’s

ick_kieke_UNGESTRICHEN.indd»Ick sitze da un esse Klops. / Uff eemal klopp’s.« So fängt eins der bekanntesten Gedichte in berlinischer Mundart an. Viele können es auswendig und gehen davon aus, dass die Geschichte von dem Klops essenden Icke, der sich vor der eigenen Tür wiederfindet, ein Produkt des Volksmund ist, ein Straßen- oder Kinderreim der Kategorie Icke, dette, kieke mal. Dabei wird diese hier eher auf die Schippe genommen, liebevoll versteht sich. Erschienen ist der Text erstmals 1925 im Europa-Almanach von Paul Westheim und Carl Einstein. Noch im gleichen Jahr wurde er als Klopslied von Kurt Weill vertont.

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Das auffallend unauffällige Leben der Haushälterin Hannelore Keyn in der Villa Grassimo zu Wewelsfleth

keynbuchLetztes Jahr haben Peter Wawerzinek und ich uns für drei Monate im Alfred-Döblin-Haus zu Wewelsfleth einquartiert, um der von uns verehrten, leider verstorbenen Hannelore Keyn nachzuspüren, die dort lange als Haushälterin gewirkt hat und nebenbei Literatur beeinflusst hat. Denn das Döblin-Haus im norddeutschen Wewelsfleth beherbergt jeweils drei Stipendiaten, die ihr ungestört schreiben können. Und das geht auch ganz gut, solange einem nicht die Geister des alten Gebäudes dazwischenfunken, so auch der des Stiftes Günter Grass, weshalb man im spitznamenverliebten Berlin mitunter von der Villa Grassimo spricht. Continue reading

Plötzlich Brauseboy

Als Nils Heinrich im Januar 2003 nach Mitstreitern für eine noch zu gründende Lesebühne suchte, war ich anderweitig beschäftigt, nicht nur, weil ich gerade zusammen mit Frank Sorge die Hostienbäckerstöchter in Neuendettelsau besucht habe. Frank aber hatte nichts weiter vor. Und so wurde er Brauseboy und ich lediglich Zuschauer bei der Premiere im März 2003. Viele Male war ich Gast auf ihrer Bühne, manchmal sah ich ihnen auch nur als Publikumsteil zu. Das wird sich ab heute ändern. Ich bin zwar viel mehr beschäftigt als vor 13 Jahren, obwohl ich mitunter nicht weiß, womit. Zumindest weiß ich ab heute aber, wo ich (fast) jeden Donnerstag ab 20 Uhr sein werde: im Weddinger La Luz bei den Brauseboys. Siehe auch hier.

Reichstagswrap

IMG_4941Heute vor zwanzig Jahren haben Christo und Jeanne-Claude damit begon­nen, den Reichstag zu verhüllen. Zwei Wochen später habe ich mich morgens um halb vier Uhr in eine Schlange von 6.000 Irren eingereiht, die einmal um das Gebäude reichte, um mir eine wrapped Reichstag-Graphik von dem Verhüllerpaar veredeln zu lassen. Arrogant wie ich mit 22 war, spotte ich damals zwar, das sei „Publikumsverarschung im breitesten Sinne“ und zweifelte an, ob Einpacken wirklich Kunst sein könne. Continue reading

Der Abgrund unter Berlin

Berlin hat eine neue Attraktion. Besser gesagt: Die Berliner U-Bahn ist um eine Skurrilität reicher. Denn zumindest in der U2 werden die Stationen seit Neuestem von sogenannten Prominenten angesagt. Das lässt einen schnell mal von der Bank rutschen, sollte man das Glück eines Sitzplatzes haben bei gleichzeitigem Entschluss gegen Eigenberieselung. Weil man  vielleicht lesen möchte. Und sogleich schallt es einem fröhlich entgegen: »Hallo hier spricht Dieter Hallervorden. Bei der nächsten Station wartet auf Sie die Kuh Elsa. Und die nächste Station ist – Mohrenstraße.«
Was hat der Meister des Blackfacings da gerade gesagt? Palim palim? Und warum um Himmels Willen? Wirklich lange nachdenken lässt sich darüber nicht. Es sei denn, man steigt aus, um die Kuh Elsa nicht länger warten zu lassen. Die Kuh Elsa stammt übrigens aus ‘m alten Witz vom Didi, und der Witz hat einen noch längeren Bart als der Weihnachtsmann.
Bleibt man jedoch sitzen, radebrecht einem Anastejjscha entgegen, dass die »nächstäh Stazion hisst statt Mitte«. Wobei damit schon zwei der prominenteren Teilnehmer dieses abgrundtiefen Spektakels genannt worden sind. Denn die meisten Promis sind so bekannt, dass sie ihren Beruf dazusagen müssen, damit man sie einigermaßen einordnen kann.
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Wir provinziellen Spießer

Yeah, das hätte ich dieser Stadt gar nicht zugetraut! Der Horizont der meisten Berlinerinnen und Berliner geht also doch weiter als bis zum Gartenzaun und reicht über die gesamte Weite des Tempelhofer Feldes. Und auch der Urberliner Taxifahrer muss seinen Standpunkt neu überdenken. Er meinte nämlich, all die Neuberliner würden sich nicht für ihre Stadt interessieren und nur provinziell denken – Dorfstraße hoch, Dorfstraße runter, Ende Gelände. Und ich dachte immer, Taxifahrer hätte eine gute Menschenkenntnis. Na ja, mich hat er ja ooch für einen Zugezogenen gehalten.
Wahrscheinlich wollte einfach niemand die Beschimpfung des SPD-Fraktionsvorsitzenden Raed Saleh auf sich sitzen lassen, der vor ein paar Tagen den Bebauungsgegnern »provinzielle Spießigkeit« vorgeworfen hatte. Wo ja das, was das Feld auszeichnet, vieles ist, nur nicht egoistisch. Es gibt in Berlin wohl keinen anderen Ort, an dem so viele Leute sie selbst sein können, ohne andere zu belästigen.